Resthaar

von Peter Tertinegg

Gloser saß im Festsaal der Universität, mitten unter zahlreichen anderen, denn in Kürze sollten an eine Reihe von Studiumsabsolventen akademische Titel verliehen werden, so auch einem langjährigen Bekannten.
Der Rektor, zeremoniengemäß in Robe und mit Barett, begann seine Ansprache und bat um Verständnis, wenn er zuvor noch auf einige aktuelle Probleme eingehen wolle.
Vor Gloser machte es sich ein Herr bequemer. Er hatte seine ergrauten Haare, deren Ansatz ihm abgesehen von der Stirnpartie kranzförmig verblieben war, zum Teil über den kahlen Schädel gekämmt, den Rest schwalbenschwanzförmig hinten zusammengeführt. Wollte er so mehr Wuchs vortäuschen? Doch war seine Kahlheit andererseits zu offensichtlich, wurde doch die Kopfhaut kaum von den Strähnen bedeckt.
Cui bono? hob der Rektor seine Stimme und fuhr dann fort.
Ein anderer Herr, etwas rechts von Gloser sitzend, wendete immer wieder den Kopf, um die Wandbemalungen zu betrachten, auch das Deckengewölbe ließ er nicht aus. Er hatte gleichfalls einen nach vorne hin offenen Haarkranz, doch war diese Behaarung zurückgestutzt und mit Sicherheit gefärbt, sodass sie insgesamt wie ein schwarzer Reifenteil wirkte. War er also eitel? Warum stellte er dann aber andererseits seine Kahlheit so zur Schau?
Doch waren das nicht die beiden einzigen Formen von Resthaaranordnung in Glosers Umgebung.
Als mit einem Male Fanfarenmusik erklang, war Gloser gerade dabei, wegen eines besonders interessanten Falls Überlegungen anzustellen – Haarwuchs fast nur mehr im Nacken, doch den zu einem Schwänzchen zusammengebunden -, und hatte so gut wie nichts von den aktuellen Problemen der hiesigen Universität mitbekommen.

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