Herr Meier

von Peter Tertinegg

Das Studienjahr ging zu Ende, und bald würde er wieder Geld verdienen müssen, denn mit dem Stipendium alleine kam er natürlich nicht durch.
Er wollte aber nicht wieder nach Deutschland in diese Autofabrik, wie im letzten Sommer. Es war einfach zu stumpfsinnig gewesen. Er hatte neun Wochen lang acht Stunden am Tag nichts anderes getan, als mit einem Gelenkschraubenzieher die Festigkeit einer bestimmten Mutter einer jeden am Fließband vorbeiziehenden Vorderachse zu kontrollieren. Und so manche Nacht war er mit erhobenem Arm aus dem Schlaf geschreckt.
Eines Morgens las er eine Annonce, in der für die Sommermonate ein Zeitungsausträger gesucht wurde, noch dazu in seinem Wohnbezirk. Zwei Stunden später hatte er die Stelle.
Die Bezahlung war gut, wohl deshalb, weil es Nachtarbeit war. Doch andererseits – kein Fabriklärm und kein Eingesperrtsein.
Als er zum ersten Mal in der Früh vom Austragen heimkam, wusste er, dass er das Ärgste überstanden hatte, da er auf die Schrecknisse, denen er in den letzten Stunden ausgesetzt gewesen, nun nicht mehr unvorbereitet war.
Gleich im zweiten Haus hatte er, um eine Kellerwohnung zu erreichen, im Dunkeln des längeren nach einem Lichtschalter umhertasten müssen.
In einem der nächsten heulte, gerade als er die Zeitung in den Briefschlitz schieben wollte, unmittelbar hinter der Tür und in die Totenstille des ganzen Hauses hinein ein Hund auf, sodass er vor lauter Schreck einen Satz zurück machte –
Ein bestimmtes Haus war ihm von allem Anfang an unheimlich, kaum, dass er es betreten. Denn am Beginn der Treppe und bei jedem Halbstock waren auf dem Geländer Beleuchtungskörper angebracht, welche etwas von Grablaternen hatten. Und kaum hatte er die erste Stiege hinter sich, erstarrte er vor Entsetzen – bis ihm klar wurde, dass das nur er selbst in einem großen Wandspiegel war.
Doch den Horror schlechthin erlebte er vor einer Wohnung mit dem Türschild „Franz Meier“.
Es war eines seiner letzten Häuser. Er schob die gefaltete Zeitung durch den Briefschlitz – als ihm beinahe das Herz stehen blieb und gleich darauf wie rasend zu schlagen begann, denn er hatte gerade gespürt, wie ihm jemand die Zeitung aus der Hand zog –

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