Peter Tertinegg

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Der Reihe nach

Er saß im Kino und freute sich auf den Film.
Zuerst wurden im Vorspann die Schauspieler bekannt gegeben, anstelle der letzten stand: u.a.
Und da dachte er: und andere – ja, zu denen gehörte auch er –

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Der Leichenfund

Da ist ein totes Tier in der Wassertonne -, sagte seine Frau. Sie war etwas bleich.
Es war am Grund des randvoll mit Regenwasser gefüllten Behälters zu sehen und schien etwa handtellergroß zu sein.
Er begann, die Tonne mit einer Kanne zu entleeren und konnte in dem bewegten Wasser währenddessen nichts ausmachen. Als das Behältnis nur mehr zwei Fuß hoch Wasser enthielt, wartete er ab, bis es sich beruhigt hatte, und als er das Tier wieder in Augenschein nehmen konnte, kam ihm ein Verdacht, und er berührte es mit einem Stock, rührte dabei jedoch nur Blattwerk auf –
Da war die Erleichterung groß –

Begeisterung

„ … Begeisterung?
Das ergibt für mich sofort ein Bild, nämlich die junge Frau, die den Säugling im Kinderwagen füttert, und dabei immer wieder, wie mitessend, Mundbewegungen macht, wenn sie ihm den Löffel gibt … “

Was bleibt

Es hatte ziemlich lange gedauert, dass er sich dreingefügt hatte, nicht mehr gebraucht zu werden.
Denn eigentlich hatte er sich seine Pension ganz anders vorgestellt.
Doch wodurch er sich beinahe wieder eingegliedert fühlte in die Gesellschaft, war, dass seine Frau ihn von irgendwann an jeden Abend bat, von den kleinen quadratischen folierten Kärtchen, die sie für die Lernspiele mit ihren Kindergartenkindern anfertigte, die Ecken abzuschneiden, damit die Kinder sich daran nicht weh taten –

Nachbeben

Irgendwann bin ich zur Welt gekommen.
Natürlich.
Das Übliche eben.
Und irgendwann dann fing es an:
Das Nachbeben –

Stein für Stein

Er hatte immer drei kleinere Kieselsteine in seiner Hosentasche, welche vom vielen Anfassen schon ganz glänzend geworden waren.
Und nun, für einige Wochen in südlichen Gefilden, wollte er einen Neuanfang und warf die Steine auf der Fahrt die Küste entlang einen nach dem anderen und -zig Kilometer voneinander entfernt ins Meer.
Und nach dem letzten fragte er sich irgendwann, welcher Zufall wohl eintreten müsste, damit diese drei Steine einander wieder berührten –

Rückwirkend

Er war nicht eifersüchtig, und seine Frau hatte ihm auch nie den geringsten Anlass dazu gegeben.
Doch wenn zufällig von jemandem gesprochen wurde, von dem er wusste, dass seine Frau ihn vor ihrer Beziehung gekannt hatte, begann sein Herz zu klopfen –

Das Zimmer

Ich habe einen Freund. Er lebt auf dem Land und hat sich sein Haus aus eigener Kraft und mit seinen eigenen Mitteln erbaut. Und diese Mittel waren beschränkt und sind es noch immer.
Unweit seines Hauses hat er einen größeren Schuppen errichtet, der ihm als Geräte- und Lagerraum dient. Und bei jedem meiner Besuche stehen wir früher oder später auf dessen Dachboden, nachdem er mir wieder einmal alle Änderungen und Vorhaben erklärt hat, die er auf seinem Grund plant, und er sagt dann: Und das hier wird dein Zimmer -, während der Wind durch die mit Plastikplanen zugenagelten Fenster pfeift.
Doch das letzte Mal, da sagte er: Und das hier ist dein Zimmer –
Und da ahnte ich, er glaubte nun wohl selbst nicht mehr daran.

„Dann wollen wir einmal -„

Ich sitze also im Behandlungsstuhl. Der Zahnarzt – ich habe Vertrauen zu ihm wie zum Kap der Guten Hoffnung oder Gevatter Tod -, der Zahnarzt redet mit mir über Belangloses, das heißt, es redet eigentlich nur er, ich versuche tapfer zu wirken, denn er möchte eine Extraktion machen. Obwohl die Spritze bereits zu greifen beginnt, könnte ich immer noch auf und davon – ähnlich jener Szene im Wildwestfilm, in der jemand voll eingeschäumt dem Barbier

Die Diagnose

„ … und auf einmal kam ich darauf, w a r u m es mir ständig so schlecht ging –
Ich gehe gerne ins Kino, und zwar mehrmals in der Woche. Und die wenigsten der Filme, die ich mir dann anschaue, sind deutschsprachig gedrehte.
Doch was ist bei allen synchronisierten Filmen der Fall – nehmen wir nur einmal einen im Original englischsprachigen Film: I b e l i e v e – spricht der Schauspieler in der originalen Fassung: Ich g l a u b e – hört man ihn sagen – und vergleichen Sie jetzt einmal die verschiedenen Mundstellungen: I b e l i e v e – Ich g l a u b e – da lügt sich ja jemand regelrecht an -! Oder: Give me the k e y – Gib mir den S c h l ü s s e l – he k i l l e d – er
t ö t e t e – at r o o s t – auf der S t a n g e – überall dasselbe -!
Wie soll also ein Mensch gesund bleiben, der mehrere Stunden in der Woche unaufhörlich jemanden etwas anderes sagen s i e h t, als er es h ö r t – können Sie mir d a s verraten??“