Peter Tertinegg

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Das Messerchen

Im Park, da gab es den kleinen und den großen Paul.
Der große Paul rauchte und sah den Mädchen nach, zusammen mit seinen Kumpanen.
Der kleine Paul buk meist Sandkuchen.
Eines Tages bekam der kleine Paul von seinem Onkel ein Taschenmesserchen geschenkt. Das war allerliebst und hatte zwei herausklappbare Klingen.
Der kleine Paul zeigte es jedem, und alle freuten sich mit ihm mit.
Irgendwann zeigte er es auch dem großen Paul. Der nahm es in die Hand, betrachtete es, sagte dann: Schön – und steckte es ein.
Gib es mir zurück -, sagte der kleine Paul.
Der große Paul stand auf und ging davon.
Der kleine Paul lief ihm nach und bettelte immer wieder: Gib es mir zurück –
Doch der große Paul tat so, als ob er ihn nicht hörte.
Und irgendwann blieb der kleine Paul stehen und sah dem großen Paul nach.

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Rezepte

Er hatte gerade in seinem Märchenbuch gelesen, stand nun neben seiner Mutter und sah zu, wie sie Gemüse putzte.
Ja? sagte sie –
Gel, Mama –
Ja?
Er sah ihr weiterhin zu. Und dann:
Gel, Mama, du kochst nur Fettsuppen, die Stiefmutter kocht Wassersuppen – aber du kochst nur Fettsuppen –

Das gewisse Etwas

Ein jedes Mal, wenn er in einem Film jemanden Klavier spielen sah, fragte er sich, ob derjenige wirklich spielte oder nur so tat, denn fast immer sah man ihn dann spielen, ohne dass zugleich auch die Tastatur im Bild war –
Lag es am Blick?
Lag es an seinen Bewegungen?
Er wusste es nicht, doch stets war er sich sicher: Der eine – ganz seltener Fall – spielte wirklich, der andere – nein, der gewiss nicht -!

Der Beginn

Er blickte auf seine Schreibmaschine.
Wenn man eine der Tasten anschlug, verursachte man ein Zeichen auf dem Papier, und all diese Zeichen kombiniert mit allen Möglichkeiten eines zweiten Zeichens, diese Kombinationen wiederum kombiniert mit allen Möglichkeiten eines dritten Zeichens, und so fort –
Wenn man die Anzahl der Zeichen eines Buches bedachte, konnte einem schon anders werden –
Und dennoch – ein jedes Buch war in den Möglichkeiten dieser Tasten enthalten –
Er schlug die erste Taste an.

Der Irrenwärter

„Du bist wohl eine Wahnsinnige -“, murmelte er, nahm das kleine Schnecklein, das auf dem Gehsteig dahinkroch, beim Gehäuse und beförderte es in die Wiese –

Türen

Die Schlafzimmertür muss immer offen bleiben, damit es durchzieht und die Betten von der Nacht her ausdampfen –
Die Küchentür muss immer offen bleiben, damit die Kochdünste fortgeweht werden –
Die Wohnzimmertür bleibt immer offen, prinzipiell.
Und wenn er aufs Klo ging, dann sperrte er nicht nur zu, dann sperrte er z w e i m a l zu -!

Kleine Freude

Muttertag.
Und ihm fiel wieder ein, wie jugendlich sie sich immer gebärdet hatte, wenn der Freund seiner Schwester bei ihnen zu Hause auf Besuch war, wie sie auf dem Weg in die Speisekammer noch ums Eck gelächelt und dabei ein Bein abgewinkelt hatte – und wie peinlich ihm das gewesen war -!
Und nun stimmte es ihn irgendwie traurig, dass er ihr das damals nicht von Herzen gegönnt hatte –

Die Beute

Es waren seine ersten großen Ferien.
Sie waren auf Sommerfrische, und er zog den ganzen Tag mit Pfeil und Bogen umher.
Seit Tagen schon war seine einzige Sorge: Wie tötete man das Reh, wenn es nicht gleich verendete? Denn er musste ab und zu ein Reh erlegen, wenn er in der Wildnis leben und sich von der Natur ernähren wollte –
Er musste es eben so genau treffen, dass es gleich tot war –
Irgendwann war es dann soweit: Er lag hinter einem kleinen Hügel versteckt, und am Waldesrand äste ein Reh –
Er zielte lange – und sein Herz klopfte und klopfte – dann ließ er den Pfeil los – und kraftlos landete dieser auf halber Strecke –
Das Reh sah hoch, hörte kurz zu malmen auf und äste dann weiter.

In hohen Gemäuern

Es tropft von der Decke, jemand stellt eine kleine Schale unter, es tropft in die Schale, bis es plitscht –
Es tropft an einer anderen Stelle von der Decke, jemand stellt eine bauchige Vase unter, es tropft in die Vase, bis es plotscht –
Es tropft an einer dritten Stelle von der Decke, es tropft in die Schale, in die Vase, auf den Boden –

Wenn er kommt

Immer, wenn ich in der Innenstadt zu tun habe, gehe ich auch in ein bestimmtes Café. Es ist das einzige weit und breit, in welchem es keine Musik gibt, und alleine schon deshalb fühlt man sich dort wohl.
Wenn ich dieses Café wieder verlasse – ich könnte mich noch stundenlang dort aufhalten – dann tue ich das aber nicht durch den Eingang, durch welchen ich gekommen bin, sondern durch denjenigen eines angeschlossenen Nobelhotels, bleibe dann für kurz stehen und schaue mich um, ob das wohl registriert wird, dass da jemand aus einem Nobelhotel kommt – es wird registriert – erst dann gehe ich meiner Wege –